Wenn man auf die Projektveranstaltung zurückblickt, die am 18. September mehr als 90 Schülerinnen und Schüler der Jgst. Q 2 an Bord des Fahrgastschiffes „Europa“ geführt hat, wo sie

mit insgesamt acht Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Kultur in einen Dialog eintraten, kann die Antwort auf diese Frage sehr unterschiedlich ausfallen.

Zunächst einmal ein sehr deutliches „JA“. Wenn man zweieinhalb Stunden an Bord eines Bootes unterwegs ist, kann das als ein deutliches Zeichen verstanden werden: Dialog zum Thema „Europa“ kann entstehen, wenn ich mich bewegen lasse oder mich bewege, Gesprächsangebote wahrzunehmen, auch dann, wenn mir die Notwendigkeit und Bedeutung eines solchen Gesprächs nicht von vornherein klar ist.

Dann aber auch: „Nein“. Viele waren bzw. sind der Meinung, dass wir in Europa nicht wirklich „in einem Boot“ sind, dass es um Europa nicht zum Besten stehe. Und einige waren auch der Meinung, dass die Beschäftigung mit dieser Frage nicht unbedingt spannend und auch nicht notwendig sei. Und man kann natürlich der Meinung sein, dass die Symbolhandlung einer Schifffahrt in Zeiten der Klimawandels nicht mehr angemessen sei.


Dass solch unterschiedliche Sichtweisen aber überhaupt geäußert werden können, ist sicherlich als gut zu beurteilen. In einer pluralistischen Gesellschaft sollte hinreichend Platz sein für unterschiedliche Positionen, Platz auch für vielfältiges Engagement, für unterschiedliche Meinungen und Haltungen, schließlich auch Platz dafür, ein vorhandenes Desinteresse zu äußern und im Einzelfall auch dafür, nicht „im Boot“ sein zu wollen. In einer pluralistischen Gesellschaft müssen nicht ständig „alle in einem Boot“ sein. Schwierig würde es erst, wenn das Betreten des „Bootes“ grundsätzlich verweigert würde. Denn es muss gerade in pluralistischen Gesellschaften ja zumindest den Platz geben, das Gespräch zu suchen und klare Forderungen zu formulieren, an sich selbst und auch an die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster gesellschaftlicher Institutionen. Im besten Sinne ist eine solche Veranstaltung ein Beitrag dazu, dass wir alle uns und unsere Einstellungen, Haltungen und Verhaltensweisen in Frage stellen und in Frage stellen lassen.   

Was also denken Jugendliche über Europa? Was bedeutet für sie Europa? Und wie verläuft eine Begegnung zwischen ihnen und Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, kommt es überhaupt zu einer wirklichen Begegnung?

Wichtig für den Nachmittag war zunächst, dass mit Amelie Brandhorst, Romy Brink, Henri Anton Leonhardt und Hannes Bo Sensmeyer sich vier Schülerinnen und Schüler aus der Jahrgangstufe 6 gefunden hatten, die – angeleitet durch Juri Kreuz –  in einem Rap zum „Heimat“ mit Tiefgang in die Veranstaltung einleiteten. Auf positive Resonanz stießen auch Mohamed Oumari, Sabah Oumari und Malachai Tofahrn mit ihrem kleinen Slam-Beiträgen, moderiert durch Johnny Luu und Peter Küstermann. Für die Absprachen zum kulturellen Rahmenprogramm zeigte sich Nina Doormann verantwortlich.


Die Begegnungen auf der „Europa“ wurde dadurch erleichtert, dass sich einige Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q 2 vorbereitet hatten, als Coach einer Tischgruppe das Gespräch in den Kleingruppen zu moderieren: Björn Lasse Carstensen, Tim Lohel, Emelie Henneking, Antina, Hornig, Johannes Sander, Malte Kirchner, Johanne Crämer, Marie Engelking, Sina Geile, Marianna Weißkerber, Leonie Pape, Leonard Olfens, Jasmin Deerberg, Lea Kopp, Johannes Hartenstein und - als Ehemaliger – Anton Grünewald übernahmen die nicht ganz leichte Aufgabe, inhaltliche Akzente einzubringen und vor allem den Versuch zu unterstützen, dass die Schülerinnen und Schüler an den Tischen mit den Fachleuten ins Gespräch kommen. Mit der Methode des Graphic Recordings hat die ehemalige Herder-Schülerin Paula Horstmann die Veranstaltung live in dem nebenstehenden Poster zusammengefasst.

Neben Achim Post, der als MdB des hiesigen Wahlkreises und auch als Generalsekretär der Sozialdemokratischen Partei Europas zugegen war, war kurzfristig mit Jörn Lohmann, Kandidat der CDU bei der Europawahl im Wahlkreis Bückeburg, auch ein jüngerer Politiker eingesprungen –  sicherlich ein leichterer Gesprächspartner als der ursprünglich vorgesehene, aber leider erkrankte Elmar Brok, ein Profi auf der europäischen politischen Bühne. In den beiden von diesen Politikern besuchten Tischgruppen ging es natürlich um Fragen der politischen Zukunft Europas. Gefordert wurde hier mehr eine stärkere Integration mit größeren Verbindlichkeiten für die Mitgliedsstaaten, u.a. in den Bereichen der Umwelt- und Flüchtlingspolitik.

In den Gesprächen mit Christoph Pepper, ehemaligem Chefredakteur des Mindener Tageblatts und Ex-Herderaner , bereicherten Fragen der Gestaltung einer europäischen Öffentlichkeit, also auch Fragen nach Aufgaben und Rolle von Medien, die Diskussion. Zentrale Forderung war hier hier die nach einer verstärkteren Berücksichtigung positiver Nachrichten und insbesondere positiver lokaler Auswirkungen politischer Maßnahmen, um einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – auch im europäischen Rahmen – zu ermöglichen.

Eine spannende Konstellation war die Begegnung mit Boris Ziegler, für die Unternehmenskommunikation bei PreZero zuständig, einem auch lokal tätigen Unternehmen für Entsorgungs- und Umweltdienste (ehemals Tönsmeier), und Silke Mayer vom WWF (World Wide Fund For Nature), einer internationale Natur- und Umweltschutzorgansation die bisher schon bei der Bergung von „Geisternetzen“ und deren Wiederverwertung kooperieren und diese Kooperation auf die Vermeidung und Entsorgung von Plastikmüll in Südostasien erweitert haben.

Eine völlig andere Thematik stand im Mittelpunkt der Gespräche mit Elena Schulz-Ruhtenberg. Im Gespräch mit der ehemaligen Schülerin des Herders und jetzigen Studentin der Politikwissenschaften standen Fragen dazu im Vordergrund, wie Menschen unterschiedlicher Altersstufen überhaupt Informationen über Politik gewinnen und welche Kommunikationswege sie dazu nutzen. Wie rasend schnell sich die Kommunikationswege ändern, war selbst für Expertin und Coach, die beide noch nicht so lange die Schulbank verlassen haben, eindrucksvoll. Eine Aufgabe für die Gestaltung von Politik, die in die Forderungen mündete, z.B. in Schulen die Verwendung von unterschiedlichen Quellen und Informationskanälen noch stärker zu reflektieren.

Mit Jendrik Peters, pädagogischem Mitarbeiter der VHS Lengerich und Fachmann für politische Bildung; Jugendbildung und Digitalisierung, drehten sich die Gespräche auch um die Gestaltung der Kommunikationswegen im Zeitalter der Digitalisierung und der Förderung von Teilhabemöglichkeiten über digitale Bildung, mit der Forderung nach Förderprogrammen über den Digitalpakt hinaus.

Einen wiederum ganz anderen Akzent setzten die beiden Gesprächsgruppen mit Wiebke Buth, Sprecherin der Mindener Gruppe von amnesty international, und Thomas Lange, Historiker, Unternehmer und an Bord vor allem auch als Mitglied im Verein Gedenkstätte Porta-Westfalica. In diesen beiden Gruppen ging es um die aktuellen gesellschatspolitischen und die mit ihnen Themen einhergehende Radikalisierung gesellschaftlicher Kräfte z.B. durch den erstarkenden Nationalismus in vielen Ländern der Welt.

Alle in einem Boot? Was aus zweieinhalb Stunden Gesprächen und Begegnung wird, ist nicht leicht abzuschätzen. Was machen zum einen die Expertinnen und Experten aus der Erfahrung, Schülerinnen und Schülern begegnet zu sein, die in knapp einem Jahr die Schule verlassen werden, um in Studium oder Berufsausbildung unser aller Zukunft mitzugestalten? Was passiert mit den Forderungen, die ihnen am Ende der Veranstaltung mit auf den Weg gegeben wurden? Was bleibt zum anderen für die Schülerinnen und Schüler hängen? Wie gehen sie und auch ihre anwesenden Lehrerinnen und Lehrer mit der gemachten Erfahrung und vielleicht auch verändertem Blick in den Alltag zurück?  Es wäre viel erreicht, wenn allen Beteiligten ihre unterschiedlichen und alles andere als selbstverständlichen Blickwinkel in Erinnerung blieben, wenn deutlich bliebe, dass es nicht nur die eigene Sichtweise oder auch den eigenen Informationskanal gibt, auf dem man sinnvollerweise Informationen erhält oder weitergibt.

Für das Herder-Gymnasium ist eines aber ganz klar. Die Kooperation mit der Volkshochschule Minden/Bad Oeynhausen möchten wir fortsetzen und ausbauen, wir möchten regelmäßig mit der VHS „in einem Boot sitzen“. Für den Moment sagen wir herzlich Danke dafür, dass unseren Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit geboten wurde, an dieser Veranstaltung teilnehmen und auch in der Vorbereitung mitwirken konnten. Möglich war dies letztlich nur dadurch, dass Frau Strohm-Katzer als nun ehemalige Leiterin des Programmbereichs Politik/Gesellschaft/Umwelt/Pädagogik unermüdlich an einer überaus komplexen Veranstaltung gestrickt hat, die ihresgleichen sucht.

Dank sagen möchten wir schließlich auch den Schülerinnen und Schülern unter Federführung von Melia Keil, die die Pause mit einem selbst gemachten Fingerfood-Schmankerl bereichert haben.

Gefördert wurde diese Veranstaltung durch den Deutschen Volkshochschulverband e.V., das Bildungsbüro der Stadt Minden, die Firma Midland IT und den Förderverein des Herder-Gymnasiums. Auch hier ein herzliches „Danke schön!“


Heribert Walber und Michael Willemsen und Stefanie Lehmkuhl

 

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