Vortrag von Prof. Dr. Bauer

Wie viele Jahre leben die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung eines Landes länger als die ärmsten 20 Prozent? Zwei Jahre, zehn Jahre oder sogar 15 Jahre?

Mit dieser provokanten Frage eröffnete Prof. Dr. Ullrich Bauer seinen Vortrag vor den Oberstufenschülerinnen und -schülern über soziale Ungleichheit.

Auf Einladung der Unterrichtsfächer. Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften referierte Prof. Dr. Bauer in der Aula der Domschule darüber, was soziale Ungleichheit ist und wie sie entsteht. Ihm ging es dabei insbesondere darum, mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen und ihr Interesse für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fragestellungen zu wecken.

Ullrich Bauer ist Professor für Sozialisationsforschung an der Universität Bielefeld. Er ist Prodekan der Fakultät für Erziehungswissenschaft und Leiter des Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI). In einem seiner Forschungsschwerpunkte hat er sich mit Fragen der sozialen Ungleichheit beschäftigt, mit ihrer Entstehung und mit Lösungsvorschlägen, soziale Ungleichheiten abzubauen.

Immer wieder öffnete Bauer seinen Vortrag und bezog die Schülerinnen und Schüler ein, fragte sie, suchte die Diskussion mit ihnen. Auf diese Weise konnte er soziale Ungleichheit als solche Ungleichheit pointieren, die Konsequenzen für die Lebenschancen in einer Gesellschaft habt. Auch am Beispiel des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Schulformwahl wurden Auswirkungen sozialer Ungleichheit verständlich. Diese vergrößere sich sogar noch, wie er anhand der sich auseinander entwickelnden Vermögensverteilung aufzeigte.

Als möglichen Erklärungsansatz für soziale Ungleichheit wählte Bauer den Ansatz des französischen Soziologen Pierre Bourdieu („Die feinen Unterschiede“, 1982) – den die Schülerinnen und Schüler der sozialwissenschaftlichen Kurse um weitere Ansätze ergänzen können. Bourdieu liefert mit der Erweiterung des Kapitalbegriffs um kulturelles Kapital nicht nur eine zusätzliche Dimension zur Erklärung gesellschaftlicher Stellungen und Klassenunterschieden, sondern sorgte bei der Selbst- und Fremdbeschreibung etwa des lesefreudigen, Theater liebenden, Wein trinkenden, Rad fahrenden und wandernden Lehrers in Marken-Outdoor-Jacke für manchen Lacher bei den Schülerinnen und Schülern.

Im Bildungssystem könne eine solche Fremd- und Selbstbeschreibung aber schnell zum Fremd- und Selbstausschluss führen – bei der Schulwahl, aber auch im alltäglichen Unterricht, wenn etwa der familiäre Erziehungsstil nicht mit den schulischen Erwartungen übereinstimme.

Mit dem Bild eines idyllischen, aber reißenden Flusses veranschaulichte Bauer den Schülerinnen und Schülern ebenso wie ihren Lehrerinnen und Lehrern den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit als wichtiger gesellschaftlicher Bedingung des Aufwachsens und pädagogischem Handeln etwa in der Schule. Er bat die Zuhörenden darum, sich eine Lehrerin (oder einen Lehrer) am Ufer des Flusses vorzustellen. Als ein hilfloses Kind in der Mitte des Flusses vorbeigetrieben wird, springt die Lehrerin in den Fluss und rettet das Kind, bringt das Kind ans Ufer und belebt es wieder. Unmittelbar danach wird ein weiteres Kind vorbeigetrieben und wieder springt die Lehrerin in den Fluss und rettet das Kind. Dieses Szenario wiederholt sich und beschleunigt sich schließlich so, dass die Lehrerin die einzelnen Kinder nicht mehr retten kann und sich flussaufwärts auf den Weg macht, um herauszufinden, warum immer mehr Kinder hilflos in der Flussmitte treiben …

Es sei also geboten, von der Mikro-Ebene der pädagogischen Maßnahmen im Umgang mit heterogenen Herkünften und Verhaltensweisen auf die Meso-Ebene und schließlich die Makro-Ebene der sozialen Ungleichheit zu schauen, um verschiedene Vorgehensweisen für den Abbau sozialer Ungleichheit in den Blick zu bekommen, ausprobieren zu können, zu beurteilen – und die Grenzen etwa der alltäglichen pädagogischen Maßnahmen für den Abbau sozialer Ungleichheit zu erkennen.

Professor Bauer konnte insofern nicht nur das sozialwissenschaftliche Thema der sozialen Ungleichheit abdecken und die pädagogische Perspektive auf den alltäglichen Umgang mit Kindern unterschiedlichster Herkunft um eine sozialwissenschaftliche Erklärung der sozialen Ungleichheit erweitern. Es gelang ihm vielmehr, die Schülerinnen und Schüler für das Problem sozialer Ungleichheit mit zum Teil überraschenden Fakten zu interessieren und die Beschäftigung mit sozialwissenschaftlichen Herangehensweisen an gesellschaftliche Probleme anzustoßen. Dies war nicht nur an der großen Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler während der gesamten Veranstaltung, am lang anhalten Beifall, sondern auch an den anregenden Unterrichtsgesprächen der nächsten Tage auszumachen.

Michael Willemsen und Stefanie Lehmkuhl

 

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