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Die drei Mindener Gymnasien zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus: Seit 2014 begeben sich das Herder-Gymnasium, das Ratsgymnasium und das Besselgymnasium auf einen gemeinsamen Weg: Als Schulen wollen sie gemeinsam den Opfern des Nationalsozialismus gedenken, die an den damaligen Schulen – Mädchengymnasium mit Frauenoberschule und Staatliches Gymnasium Minden i.W. - diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt und häufig in die Emigration gezwungen wurden. Von Anfang an hatten die organisierenden Lehrerinnen und Lehrer die Idee, dass alle weiterführenden Schulen in Minden diese Veranstaltung gestalten könnten.

Neben den Schulleitern der drei Gymnasien waren auch Vertreter der Schulleitung der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule anwesend, so dass die Hoffnung besteht, dass sich zukünftig vielleicht weitere Schulen mit auf den gemeinsamen Weg machen.

In seiner kurzen Begrüßung ging auch der Schulleiter des Ratsgymnasium, Karl-Friedrich Schmidt, lobend und zufrieden auf diese Entwicklung ein. Er betonte, wie wichtig diese Veranstaltung sei, um das Gedenken und Erinnern nicht aus den Augen zu verlieren. Entsprechend stolz sei er, dass die Gedenkveranstaltung Mindener Schulen zum Tag des Gedenkens an die NS-Opfer. Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Erinnerung an die Verfolgten im Nationalsozialismus im Jahr 2015 am Ratsgymnasium stattfand.

Anschließend begrüßte Caroline Peist, Oberstufenschülerin des Ratsgymnasiums, für die beteiligten Schülerinnen und Schüler die etwa 250 Gäste, die in die Aula gekommen waren: unter ihnen neben den Schulleitern auch Bürgermeister Michael Buhre sowie der Bürgermeister aus Porta Westfalica Bernd Hedtmann, Sarah Cohen (jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden) und Bernhard Speller (evangelischer Vorsitzender der GCJZ).

Im Zentrum der Veranstaltung standen dann aber die Biografien von drei ehemaligen Schülerinnen und Schülern sowie einem Lehrer, die wie viele andere an den Schulen ausgegrenzt, diskriminiert und letztlich zum Verlassen gezwungen wurden und die somit exemplarisch für das Schicksal jüdischer Bürgerinnen und Bürger Mindens standen.

Haji Abdulla und Fahkri Ali Khan vom Besselgymnasium stellten zuerst die Biografie des Lehrers und Rabbiners Julius Hellmann vor. Als Seelsorger in der jüdischen Gemeinde wurden ihm die Sorgen und Ängste der jüdischen Mitbürger anvertraut, wodurch er bereits vor der Reichspogromnacht unmittelbar Zeuge des wachsenden Antisemitismus wurde. In dieser Nacht, die gemeinhin als ein Höhepunkt der Verfolgungspolitik in der Vorkriegszeit verstanden werden kann, zerstörten die Nationalsozialisten seine Wohnung und die darin enthaltenen antiken Möbel und Bücher, die Julius Hellmann zuvor gesammelt hatte. Er selbst wurde für 63 Tage über Bielefeld in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, von wo er abgemagert und mit beginnenden Lähmungserscheinungen im Bein zurückkehrte. Gemeinsam mit seiner Frau konnte er im Sommer 1939 nach England fliehen.

Der einzige Sohn des Ehepaars – Günther – ging bis 1934 auf die Bessel-Oberrealschule, an der sein Vater unterrichte. Sein Schicksal macht deutlich, dass die Diskriminierung bereits deutlich vor der Pogromnacht einsetzte. Günther war nicht nur verbalen Attacken ausgesetzt, sondern auch physischen: seine Mitschüler traten ihn z.B. im Juli 1933 mehrmals in den Bauch, so dass er bewusstlos wurde: einen doppelten Leistenbruch sowie Magengeschwüre aufgrund der psychischen Situation stellte der angesehene jüdische Arzt Dr. Robert Nußbaum fest. Günther verließ ein Jahr später die Schule und emigrierte 1936 ohne seine Eltern in die USA, wo er seinen Jugendtraum, ein Jurastudium, nicht mehr erfüllen konnte. Dies berichteten Jasmin Marco und Anna Schneider, beide ebenfalls Schülerinnen des Besselgymnasiums.

Die Geschichte von Ruth Aronstein, die das Mädchengymnasium besuchte, erzählte Nina Sielemann vom Herder-Gymnasium. Ruth Aronstein besuchte als Mädchen das Lyzeum und die jüdische Sonntagsschule, wo sie viele Freundinnen hatte. Als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland übernahmen, änderte sich ihr gesamtes bisherige Leben drastisch. Sie musste mit 15 Jahren und ohne das angestrebte Abitur die Schule verlassen. Auch die Aktivitäten am Nachmittag mit den Freundinnen hatten abrupt geendet. Viele wollten nicht mehr mit ihr gesehen werden. Auch durfte sie als Jüdin keine Orte wie Schwimmbäder, Kinos oder Rollschuhbahnen besuchen - dies hatte ihr fast das Herz gebrochen. Ruths Eltern versuchten Geld für eine Flucht zu verdienen. Ruth zog nach Berlin und besuchte dort die jüdische Lotte Kalski Schule. Der Wechsel fiel ihr besonders schwer, da sie von ihrer Großmutter losgerissen wurde, die zu einer besonderen Bezugsperson für die geworden war, aber auch, weil sie bislang als Einzelkind immer sehr behütet worden war. Mit der Hilfe einer befreundeten Krankenschwester gelang es den Eltern für Ruth ein Visum für England zu beschaffen. 1939 musste die erst 17-jährige Ruth ihre Familie verlassen. Bis 1940 blieb Ruth mithilfe des Roten Kreuzes in Kontakt mit ihrer Familie. Nach Kriegsende erfuhr Ruth, dass ihre Eltern nach Riga und Theresienstadt deportiert und dort Opfer einer Massenerschießung wurden. Ruth blieb in England, sie wurde Lehrerin und bekam mit ihrem Mann drei Kinder. 2007 starb Ruth im Alter von 85 Jahren. Ihren Traum, Ärztin zu werden, konnte sie aufgrund der Herrschaft der Nationalsozialisten nie verwirklichen.

Über Herbert Lindemeyers Schicksal sprach abschließend Nadine Ovesiek, die von Carlotta Börner begleitet wurde. Während Nadine seine Geschichte skizzierte, ergänzte Carlotta diese durch Zitate aus Interviews, die  Herbert Lindemeyer nach 1945 gegeben hatte und in denen er nicht zuletzt das Verhalten seiner Mindener Mitbürger anlässlich eines Besuchs in seiner Heimatstadt kommentierte. Herbert Lindemeyer spürte ebenso wie die anderen Verfolgten kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten die Ausgrenzung in der Schule: „[…] in school as a matter of fact, for some reason one day just like a bolt out of the sky, my fellow students didn‘t talk to me anymore.“ (Interview vom 06.12.1983) Die Apotheke seines Vaters konnte er nicht übernehmen, da Ernst Lindemeyer diese 1936 an einen „arischen“ Pächter abgeben musste. Herbert Lindemeyer konnte im August 1939 nach England fliehen. Seine Eltern starben in einem Konzentrationslager in der Nähe von Riga. Er kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg als US-Soldat und 1989 auf Einladung des damaligen Bürgermeisters nochmal als Besucher nach Minden zurück.

Sehr passend schloss das Jugendsinfonieorchester mit Unterstützung von Instrumentalisten des Bessel- und Herder-Gymnasiums, geleitet von Stefanie Grünreich, mit dem Vers Hashivenu aus den Klageliedern des Propheten Jeremia an. Auch das die Veranstaltung eröffnende Lied Schalom gab einen dem Anlass entsprechenden Rahmen.

Als auf der von Alexander Gerber (Oberstufenschüler des Ratsgymnasiums) erstellten Präsentation eine Rose erschien, regten Alimamy Engler und Jannis Steffen vom Besselgymnsium zum Nachdenken, Erinnern und Gedenken an: „Wenn wir aber vergessen, was uns aus der Vergangenheit in die Gegenwart gebracht hat, dahin wo wir heute stehen, was passiert dann? […] Wird sich die Geschichte wiederholen, weil wir uns nicht mehr erinnern? Können wir uns weiterentwickeln, ohne zurückzusehen? Wer weiß das schon, aber wir haben für uns entschieden, heute […] zu gedenken.“

Die Schülerinnen und Schüler machten sich dann auf den Weg zu einer gemeinsamen Erinnerung, indem sie der Bitte von Caroline Peist nachkamen, ein Wort auf kleine Zettel zu schreiben, welches sie persönlich mit dem Gedenken, dem Erinnern verbinden. Aus diesen Wörtern wird der Literaturkurs des Ratsgymnasiums ein Gedicht erstellen, auch wenn lange Adornos Diktum, nach Auschwitz lasse sich keine Lyrik mehr verfassen, diese Idee undenkbar erscheinen ließ.

Widerlegt wurde dieser Ausspruch anschließend mit dem Gedicht von František Bass, einem im Ghetto Terezin (Theresienstadt) inhaftierten Jungen, der in Auschwitz ermordet wurde. Carlotta Börner trug Das kleine Rosengärtlein am Mahnmal in der Tonhallenstraße vor, nachdem ein Großteil des Publikums gemeinsam dorthin gegangen war und sowohl Bernhard Speller als auch Bürgermeister Michael Buhre passende Worte zum Gedenken, aber auch Mahnen für die Gegenwart und Zukunft gefunden hatten. Bevor die Anwesenden in einer Gedenkminute Julius, Günther, Ruth, Herbert und den anderen ehemaligen Bürgern Mindens schweigend erinnerten, legten sie die mitgenommenen weißen Rosen auf die Steine des Mahnmals, die dem ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg entstammen. Im Anschluss an die Veranstaltung waren sich die Lehrerinnen und Lehrer, die den Tag mit den Schülerinnen und Schülern vorbereitet hatten, einig, dass der Weg zur gemeinsamen Erinnerung fortgeführt werden soll und so 2016 am Besselgymnasium stattfinden wird.

Heike Buschmann, Ricarda Tornau (Besselgymnasium)

Julia Baudry, Stefanie Lehmkuhl, Peter Kock (Herder-Gymnasium)

Dominique Schröder, Alexej Heinz, Tobias Oder (Ratsgymnasium)

 

 

 

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