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Die Klagemauer ist abgebaut. Zehn Wochen lang stellte sie in unserem Schulgebäude einen sichtbaren Anstoß dar, unsere Lebenssituation in der Pandemie zu bedenken, dann aber auch diese in Klagen formulieren und in die Spalten der Mauer einstecken zu können.

Diese Zettel sind nunmehr entnommen und verbrannt worden. Und die Steine haben ihren Weg zurück zum Baustoffhändler gefunden. Was bleibt?

Bevor die Mauer Stein für Stein abgebaut werden konnte, sind die kleinen und größeren Zettel entnommen worden. Anders als in Jerusalem konnten wir sie nicht vergraben und haben sie deshalb verbrannt. Es zeigte sich, dass es weitaus mehr Zettel waren, als man auf den ersten Blick vermutet hätte. Offensichtlich hatten zahlreiche Klagende ihre Klage tief in den Zwischenräumen der Mauer versteckt.


Nicht so schnell wie die eingesteckten Klagezettel sich in Rauch aufgelöst haben, wird uns die Pandemie verlassen. Auch wenn wir es im Moment wohl noch nicht wahr haben wollen – es scheint so zu sein, dass es weitere Wellen geben wird, über deren Ausmaß wir aber durch unser Verhalten ein Stück weit mitentscheiden können.

Denn andauerndes Klagen ist natürlich keine angemessene Reaktion auf eine andauernde Herausforderung. Die Psychologie macht vielmehr sehr deutlich:

„Es gibt […] ein zuviel und ein zuwenig Klagen, ein richtiges und ein falsches Klagen. […] Das richtige Klagen kann enden in einer sich selbst speisenden Weisheit […]. Das heilsame Klagen ist über jede emotionale Erschütterung hinaus ein existenzieller Vorgang, der Erkenntnis freisetzt. Die Erkenntnis, dass es schicksalhafte Bereiche gibt, in denen wir Menschen ohnmächtig sind.“
(Elisabeth Lukas)


Die Fortschritte der vergangenen Monate im Umgang mit der Pandemie lassen es nun zu, etwas genauer als im vergangenen Sommer die Verhaltensweisen zu bestimmen, mit denen wir – im schulischen wie im außerschulischen Bereich – auf die Herausforderungen reagieren wollen, die uns das Covid-Virus gestellt hat. 

Dazu – stellvertretend – zwei Beispiele: Die letzten Monate haben vielen Menschen neu gezeigt, wie wertvoll Unterricht, wie wertvoll Schule sein kann. Die Gefahr besteht, diese Erfahrung schnell wieder zu verdrängen. Es könnte stattdessen eine Aufgabe sein, genauer darüber nachzudenken, was eigentlich Schule und Unterricht so wertvoll macht – und nicht einfach wieder in die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen vor der Pandemie zurückzufallen. Bleibt da etwas? Oder versuchen wir es uns in der scheinbaren „Normalität“ wieder bequem zu machen? 

Es könnte – zweitens – sicherlich auch sinnvoll sein, den Blick über diese unmittelbare Herausforderung hinaus zu richten. Viele Menschen haben im vergangenen Jahr gesagt, die eigentliche Krise sei ja nicht diese Pandemie. Viel nachhaltiger begleiten würden uns die Klimakrise oder auch die vielfältigen Ursachen der Migration. Auch hier wäre es vermutlich naiv, einfach wieder zur sog. alten „Normalität“ zurückkehren zu wollen, die so normal wohl gar nicht ist.

Die Sommermonate mit ihren zurückgehenden Inzidenzen verschaffen uns augenscheinlich auch in diesem Jahr eine kleine Atempause, mehr aber nicht.

Der Abbau der Klagemauer ist natürlich auch ein Zeitpunkt, Dank zu sagen für die Unterstützung, die das kleine Projekt gefunden hat: durch Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, beim Aufbau vor allem durch Herrn Koch und Herrn Bittner und die Baustoffhandlung Schreiber, die uns die Steine kostenlos entliehen hat. In den Dank einbeziehen möchten wir auch die Ideengeberin, die Propsteigemeinde in Leipzig, die damit einverstanden war, dass wir ihre Idee aufgegriffen haben.


Heribert Walber

 

 

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