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Klagen kann helfen, Ängste, Nöte, Hoffnungen und Erwartungen zur Sprache zu bringen. Wir möchten mit Hilfe einer schulischen Klagemauer - gerade in der Corona-Pandemie - Raum geben für individuelles Klagen, das auch Ausdruck unserer Gemeinschaft als Schulgemeinde sein kann.

Wir leben in einer Zeit vielfältiger Krisen, die uns ganz schön zu schaffen machen: neben unsere ganz persönlichen Krisensituationen treten die Krisen, die uns als Menschheit treffen. Sicherlich steht im Zentrum gegenwärtig vor allem die Pandemie, die durch das Virus SARS CoV 19 bewirkt ist.
Ob wir an diese Pandemie denken oder beispielsweise an die Klimakrise, stets verbinden wir mit dem Begriff der Krise vor allem negative Sachverhalte. Der Blick in ein Wörterbuch kann allerdings lehren, dass der Begriff der Krise eigentlich den in der Regel relativ kurzfristigen Wendepunkt gefährlicher Entwicklungen meint, mit dem sich dann die Frage verbindet, wie wir mit diesen Gefährdungen umgehen wollen. Krisen stellen also auch eine Möglichkeit dar, dass wir uns für eine positive Veränderung entscheiden.
Es hängt also sehr stark davon, wie wir Menschen mit den Gefährdungen umgehen, wie wir leben, wie wir uns entscheiden, ob es also zu Katastrophen kommt oder zu Veränderungen hin zum Guten.
In dieser Situation tun wir Menschen uns aber oft schwer bei der Suche nach guten Entscheidungen. Wir streiten oft lange über unterschiedliche Lösungswege und ihren Sinn. Gerne suchen wir auch die Schuld bei anderen. Oder wir verschieben einen Lösungsversuch auf später. Oder wir verdrängen die Problem, die wir haben. Wer ein Problem hat, gilt im Übrigen auch schnell als schwach.

In dieser Situation kann es helfen, zunächst einmal den Versuch zu unternehmen, die eigenen Schwierigkeiten in den Blick zu nehmen, sie in Worte zu fassen. In der Geschichte der Menschheit gibt es dafür den Begriff der Klage. Klagen kann verstanden werden als ein Ausdruck dafür, dass wir uns als Menschen ohnmächtig fühlen, oder dass es Güter und Werte in dieser Welt gibt, von denen wir nicht wissen, wie wir sie erhalten, oder die wir nicht richtig schützen können. Die Erfahrungen von Verlusten machen uns die Gefährdungen unseres Lebens erst richtig bewusst.
Sicherlich ist dies ein Grund dafür, dass es nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem dazu gekommen ist, dass ein Teil der Westmauer des Fundamentes dieses Tempels ein Ort geworden ist, an dem nicht nur Juden ihre Lebenssituation beklagen. Zugleich ist erstaunlich, dass diese Klagemauer auch für Christen, Muslime, für Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften und für Nichtgläubige zu einem geachteten und respektierten Ort geworden ist, an dem sie ihr Leben bedenken, ihre Sorgen und Nöte auch auf einen Zettel notieren und in die Ritzen der Mauer stecken und – wenn sie sich als religiös betrachten – ihr Leben vor Gott zur Sprache bringen, also beten. Und das gilt nun schon für viele Jahrhunderte.
Überraschenderweise kommt es kaum vor, dass Menschen diesen Ort missbrauchen, indem sie sich beispielsweise an den Zetteln anderer Menschen vergreifen, sicherlich ein gutes Zeichen für ein fest verankertes Gefühl für Mitmenschlichkeit und des Respekts für den Anderen.

Wir möchten nun diesen Brauch am Herder-Gymnasium aufgreifen, um uns allen Gelegenheit zu geben, unsere Sorgen, Nöte, Ängste und Hoffnungen zur Sprache zu bringen: jede und jeder für sich – und doch auch mit Hilfe der Klagemauer gemeinsam.
Für einige Woche haben wir deshalb im Gebäude B gegenüber vom Raum B 101 eine Klagemauer für unsere Schule, für die Menschen, die täglich in ihr ein- und ausgehen, errichtet.


Diese Klagemauer kann ein Ort werden,
· an dem wir einen Hilferuf, eine Bitte, einen Wunsch oder ein Gebet hinterlegen.
· sich seiner eigenen Gefühle, Sorgen und Nöte zu vergewissern, sie für sich „zur Sprache zu bringen“.
· die Situation zum Ausdruck zu bringen, in der sich viele Menschen gegenwärtig befinden.
· ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass wir mit unseren Erfahrungen nicht allein sind.
· an dem wir uns unserer Schwäche bewusst und demütig werden.
· an dem wir uns unserer Stärken bewusst werden und Verantwortung übernehmen.
· ...


Die Klagemauer ist kein Ersatz für notwendige konkrete Hilfestellungen, sie ist deshalb auch nicht der Ort, um Unterstützung nachzufragen.  
Die Zettel der Klagemauer in Jerusalem werden zweimal jährlich entnommen und ungelesen begraben. Entsprechend wollen auch wir die eingesteckten Zettel nicht auswerten.
An unserer Schule gibt es viele Angebote für konkret benötigte Hilfen stehen: die SV, die Schulsozialarbeiterinnen, die Lehrerinnen und Lehrer, das multiprofessionelle Beratungsteam.
Probleme, für die ihr praktische Unterstützung sucht, solltet ihr deshalb auch direkt an diese Ansprechpartnerinnen und -partner richten.



Heribert Walber

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